Ein gekürztes Sterntagebuch aus der Post-FM-Zeit
von Ralf Homann (gruppe Audionomix) und Hans-Jürgen Palme (SIN-Studio im Netz)
New York am 31. Oktober 1938: Außerirdische durchziehen den Orson-Wells-Äther vom Mars Richtung Terra und die Menschen fliehen in Panik aus der Stadt. Was in dem ganzen illuminatorischen Gemixe von virtuellen und realen Räumen unbemerkt bleibt: Im Orbit kreist Radio Enterprise und versteckt in der Zeitfalte freut sich ChefInnenfunkerIn Uhura: Sie spürt, daß die Crew dicht am Ziel ihrer Zeitreise angelangt ist. Nach den Brechtschen Theoriegespenstern aus denen Scotty geschickt wie immer eine Menge Warps herausholte, empfängt sie nun mit jedem Marsianer, der die Menschen erschreckt, das Echo des alten Trockendocks der Enterprise. Mit Spocks Analysegerät formuliert: Ohne die Autoritätszuschreibung, die Radio nach dem 1. Weltkrieg einmal hatte, keinen Autoritätsverlust und ohne Autoritätsverlust kein Radio Enterprise. Aber lassen wir einmal alles beiseite, was die Autoritätszuschreibung an das Radio erklären könnte, von der Reproduktion der gesellschaftlichen Hierarchien bis zur Rolle, die Technik in unserer Kulturlinie spielt, sondern blättern stattdessen lediglich ein wenig im Sterntagebuch herum. Zum Beispiel 1936: Max Schmeling wird Weltmeister im Schwergewicht. Der Kampf wird live im Radio aus den Vereinigten Staaten übertragen. Das Radio war ein Massenmedium mit unbestrittender Diskurshegemonie.
Ein ganz anderes Beispiel: Die Radio-Reden des Führers und die Produkte seiner willigen Programmgestalter. Spätestens seit dem ist klar, daß es vernünftig ist, Feind-Sender zu hören.
Schicken wir an dieser Stelle Radio Enterprise auf eine Hyperraumsprung zu fernen Quasaren und betrachten in der Zwischenzeit die Realität:
Die Autorität der Medien ist so lädiert, wie die Autorität des römischen Bischofs. Um bei der Bibel- und der Gutenberg-Galaxis zu bleiben: Es steht schwarz auf weiß und lügt wie gedruckt!
Medien sind Interessen verpflichtet, die sie vermitteln oder die sie selber haben.
Mit dem Autoritätsverlust des Radios ging der Verlust seiner Diskurshegemonie einher. Solange das Radio das vorherrschende Massenmedium war, konnte Radio den gesellschaftlichen Diskurs direkt beeinflussen. Der Bezug der radiophonen Information war Voraussetzungen für den und die Einzelne, den Gesprächsalltag zu bewältigen: Tratsch und Klatsch, vom sozialen Geräusch bis zum politischen Schwatz am Arbeitsplatz oder beim Einkauf. Manchmal klappt's noch ein wenig beim Morgenprogramm, aber das sind letzte Reste der einstigen Macht. Wo Radio zum Teil noch Diskurshegemonie besitzt, das ist die Musik. Radio ist noch wichtigster musikalischer Massengeschmacksbildner. Allerdings ist auch hier die Bedeutung rückläufig, wie die neuen Berechnungsmethoden von Mediacontrol zeigen: Die Airplays werden kaum noch gewichtet. Zum einen liegt diese Entwicklung daran, daß Mediacontrol jeden einzelnen Verkauf an der Registrierkasse on-line erfassen kann - zum anderen aber auch an der wachsenden Bedeutung anderer Distributionen - vom Fernsehen bis hin zu den Clubs.
Beide Phänomene zusammengenommen - die Reduzierung der Autorität und der Verlust der Diskurshegemonie - bedeuten, die Alltagsgewalt des Radios ist flöten gegangen.
Alltagsgewalt meint hier eine der Verhältnisse, die unsere Gesellschaft zusammenhält, also entscheidet, welche Musik wir hören, welche Kleidung wir tragen, welche Stars wir annehmen usw. usf: Die ganze Bandbreite von der Sinnstiftung für den Mainstream bis hin zum subkulturellen Distinktinktionsgewinn.
Aus der Tatsache, daß Radio seine Alltagsgewalt eingebüßt hat, ergibt sich, daß der Besitz einer Radiofrequenz seine besondere politische Bedeutung verliert: Jeder und jede darf in Zukunft senden, weil Radio die gleiche herrschaftsgefährdende Brisanz erreicht hat, wie wir sie heute von Flugblättern kennen.
Selbstredend wird der Repressionsapparat gelegentlich auf diese "Flugblattsender" zugreifen - aber nicht mehr um des Mediums willen, sondern der Tradition wegen, in der die aufgeblähten Staatssicherheitsbehörden jeden linken Organisationsansatz kriminalisieren. Um es mit einer der letzten Sequenzen in Casablanca zu sagen: "Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen!"
Bleiben wir bei Casablanca und rufen Radio Enterprise aus den fernen Galaxien zurück in die geostationäre Umlaufbahn über Rick's CafĂ©. Was Uhura aus dem Äther empfängt ist aber nicht der Film, sondern das Hörspiel. In Vollsynchronstaaten wie Deutschland blieb die Hörspielfassung von Casablanca unbekannt. In der angelsächsische Welt war es in den 40er Jahren üblich parallel zum Film das Hörspiel zu produzieren und beides getrennt zu distribuieren. Gegen Ende des Jahrhunderts wird überall streng getrennt und zusätzlich bewertet: Das Kino ist hip, das Hörspiel gilt als elitär-langweilig. In Zukunft wird es anders sein: Beides wird wieder gemeinsam produziert, aber auch gemeinsam distribuiert - zumindest was das Fernsehen betrifft. Und zwar deshalb, weil das Radio, wie das Fernsehen streng genommen absterbende Äste des bürgerlichen Medienstammbaums sind.
Die tradierten Rezeptionsmuster des Fernsehens beginnen sich sichtbar aufzulösen. Das konzentrierte Schauen weicht dem Begleit-TV: Musik-Kanäle liefern eine Geräuschtapete wie heutige Radiomassenprogramme und die aktuellen Soaparas sind bereits jetzt eher Trash-Hörspielen verpflichtet als tradierten visuellen Auflösungen. Hingesehen wird nur noch bei besonderen Anlässen, wenn der Star XYZ auftritt, oder der neue Clip in die Rotation kommt. Die Zeiten eines Columbo-Ramps oder einer Miami-Vice-Musikstrecke mit handlungstreibenden Bildinformationen sind passĂ©.
Die Entwicklung des Fernsehens zum Radio wird unterstützt von der Tendenz, daß vielerorts Radio kein Radio mehr sein will. Als innovativ gelten Kombi-Sendungen und viele RadiomacherInnen begreifen ihren Job vor dem Mikro als Warteschleife vor der Bildschirmpräsenz. Die Digitalisierung der Sendetechnik mit DAB wird mit dem Slogan beworben: "Endlich bekommt Radio das, was ihm schon immer gefehlt hat: Das Bild!" .
Mit der Zwangsabschaltung des UKW und Mittelwellennetzes, die Anfang des 21. Jahrhunderts geplant ist, wird das Fernsehen zum Musikkanal mit Trash-Hörspielen und DAB-Radio zum Daten-Kanal mit Trash-Filmchen.
Die Angebote im Netz beschleunigen diese Entwicklung: Der Deutsche Phonoverband zum Beispiel denkt an eine Laufzeit der CD von noch ca. 7 Jahren. Dann soll die Musikdistribution durch Pakete im Netz erfolgen. Die entscheidende Frage ist: Wie können Majors und GEMA ihre Mautstellen entsprechend profitabel in die Datenautobahn setzen.
Die Post-FM-Zeit wird so gewiß kommen, wie alle Entscheidungen, die mit Milliarden beschlossen sind.
Schicken wir also Radio Enterprise in diese Zukunft und lassen Uhura den Äther nach interessanten Geräuschen absuchen. Was unsere ChefInnenfunkerIn überhaupt nicht mehr findet sind musiklastige Massenprogramme von Enjoy-Radio bis Bayern3. In den 80er-Jahren noch als wegweisende, weil billige, Radiophilosophie verkauft, sind sie in der Post-FM-Zeit implodiert. Die kritische Masse entstand aus ihrem Erfolgskonstrukt und der Zünder war ihre Belanglosigkeit im weltweiten Music-On-Demand-Angebot.
Es verbleiben jedoch einige Programme, die noch radio-orientiert senden, und die wir im einzelnen kurz skizzieren wollen.
Die erste Säule des Post-FM-Radios sind die klingenden Amtsblätter: Zum Beispiel ein zentraler nationaler News-Channel. Er verdankt seine Existenz der staatlichen Logik immer in jedem gesellschaftlichen Feld eine Behörde vorzuhalten. Im klingenden Amtsblatt trifft eine Idee auf ein Interesse. Nämlich die Idee, daß der gebildete Mensch in bürgerlichen Demokratien das Gefühl braucht, informiert zu sein. Dieses Gefühl wird durch den spezifischen Sound der Newschannels, z.B. durch zwar weitgehend belanglose, aber mit Staatspathos vorgetragene wirksame Infopartikel erzeugt. Dies trifft sich mit dem Interesse der Machtbürokratie, die darauf angewiesen ist, ihre Inszenierungen entsprechend zu vertonen, um den gewünschten politischen Effekt zu erzielen. Er ergibt sich weniger aus dem Inhalt, als vielmehr aus der Perspektive der Berichterstattung.
Die klingenden Amtsblätter werden dazu genutzt, um die jeweils offizielle Linie zu kennen und sich danach zu richten; unabhängig davon, ob diese Nachrichten zu affirmativen oder devianten Handlungen führen. Bekanntlich werden Informationen nicht eins zu eins transportiert, sondern ihre Wirkung ist extrem kontextabhängig und der heimliche Lehrplan ist wie immer wichtiger als der offene. Die Stärke der klingenden Amtsblätter ist, daß sie frei interpretieren können, d.h., daß sie sich als Service für eine Zielgruppe verstehen, der sie das Amtliche ohrgerecht aufbereiten. Dafür werden sie von den Ohren auch geliebt (vom Verstand vielleicht gehaßt).
Die zweite Säule des Post-FM-Radios ist der Belangfunk. Er legitimiert sich einzig aus dem partikulären Belang, nicht aus einer Zielgruppe heraus. Nun finden wir ja Belang ganz gut: Wenn etwas Belang hat, dann langt es uns an, und Medien, die einen anlangen, sind sehr kommunikativ. Das Problem beim Belangfunk ist aber, daß er sich nur auf sich selbst bezieht, sich also permanent selber anlangt, was auf Null-Kommunikation hinausläuft.
Immer, wenn der Belangfunk kommunikativ werden könnte, sagt jemand: 'So kann man das nicht sagen'! Es ist also das immerwährende Selbstzensurprogramm: Der Hermetikfunk schlechthin. Oder andersherum: Der Belangfunk definiert seinen Belang immer über eine Art Bischofskonferenz, einen Parteivorstand oder ein Zentralkommitee, vielleicht auch eine Lehrplankommission. Und damit hat er das klassische Predigtproblem am Hals: Immer dann, wenn die Predigt spannend wird, wird der Prediger exkommuniziert. Der Belangfunk erreicht also nur die 'Kirchgänger', die aber insgesamt auf den Friedhof abwandern. Das stört die BelangfunkerInnen nicht, weil sie auch glücklich sind, wenn sie die guten Geister beschwören. Die Finanzierung des Belangfunks wird entweder wahlweise durch Gebühren oder über gemeinnützige Vereine gesichert, die das Ganze als Programm für Bedürftige oder als Almosenfunk verstehen.
Wenn wir in diesem Kirchenbild argumentieren, so meinen wir das jetzt nicht generell abwertend: Also im Sinne: "Religion ist das Opium des Volkes", denn warum soll billiges Opium schlecht sein - oder anders gesagt: Warum soll ein Schulfunk per se schlecht sein. Entscheidend ist lediglich der Armutscharakter: Relevantes Wissen wird im Post-FM-Zeitalter in in den Netzen verkauft und nicht kostenlos zur Verfügung gestellt.
Zum Belangfunk gehören aus unserer Sicht auch alle medienpädagogischen Programme und Offenen Kanäle. Auch sie werden unter dem Vorzeichen von Belang und unter den Bedingungen von Almosen distribuiert.
Die dritte Säule des Post-FM-Zeitalters ist der Kult- oder Betroffenenfunk. Aus dem Orbit von Radio Enterprise sieht das Szenario verkürzt etwa so aus:
BürgerIn XYZ ist betroffen: Ein Alleebaum in seiner/ihrer Straße wird umgesägt (selbst in der Infobox liegt keine e-mail). Sie oder er beschließt einen Radiobeitrag für den Bürgerfunk, die Sendung "Slow groth", zu machen. Sie/Er nimmt Interviews und Geräusche digital vor Ort auf, überträgt die O-Töne auf den PC, versieht es mit Sprechertext, mischt es mit Musik ab und jagd es online ins Bürger-Netz mit der Option auf Datenfunk für mobile Empfänger. Digital vorgefertigte oder gescannte Fotos von den Bäumen und der Säge werden parallel zum Beitrag angeboten. Der fertig gebaute Beitrag kann gehört, gesehen, ausgedruckt und weiterverarbeitet werden.
Um jetzt deutlich zumachen, was dieser Bürgerfunk mit dem Kultfunk (zwei Dinge, die ja nach der pubertären Logik von hier spießig, dort geil, erstmal nix miteinander zu tun haben) müssen wir nur den Baum durch einen Club oder eine Garagenband, ein Sound-System, oder einen Kindergarten ersetzen; egal: irgendein Objekt der Begierde.
Kennzeichen des Kult- und Betroffenenfunks ist seine spezifische Logik: Es ist bei mir so, also ist es überall so, also sind alle betroffen, deshalb muß jeder was tun. Auf Musik übertragen: Ich finde die Musik super, also finden sie alle super, also muß auch jeder drauf tanzen.
Diese Logik fordert mit Hilfe des Mediums eine Handlung ein, ohne sich dabei auf Solidarität zu beziehen oder auf einen marktwirtschaftlichen Handlungsablauf. Sie träumt von der Kausalität. Es ist also eine Art autistische Mitmachlogik, die nur deshalb funktioniert, weil die Leute irgendeinen ergänzenden Zusammenhang haben. Das heißt zum Radiosender kommen noch Flächen personaler Kommunikation hinzu: Der Bürgersteig, der Club, das Ladenlokal oder irgendwie ein Stammtisch, der eine Bandbreite von Kommunikation ermöglicht: Vom Dresscode bis zur Frage nach den gesundheitlichen Wehwehchen.
Der Kult- oder Betroffenenfunk bezieht sich also auf eine Szene, einen Tribe oder eine Mikrowelt und lebt gleichzeitig von ihr. Um das Zusammensein am Stammtisch nicht zu gefährden, ist diese Mikrowelt genauso unsolidarisch wie kommerziell, aber so freundschaftlich und hilfsbereit wie nötig.
Kommerziell zum Beispiel ist sie in dem Sinne, daß keiner am Stammtisch die Notwendigkeit anzweifelt, sein Bier bezahlen zu müssen. Vielleicht ist der Preis Gesprächsthema, aber irgendwie ist das alles O.K., weil die Wirtin sitzt ja mit am Stammtisch. Dieser Stammtischfunk definiert sich über einen gemeinsamen Kult mit der WirtIn und deren Gästen. Der Stammtischfunk ergänzt das tägliche, zum Überleben notwendige soziale Geräusch und stiftet Identität, indem er sich auf die Identität des Stammtischs bezieht. Das ganze Ding ist die Makrowelt im Mikroskopischen, begreift sich aber als anderes. Im Kern ist er eine Kopie des Mainstreams, mit den charakteristisch-kultigen Kratzern auf der Rille.
Die vierte Säule des Post-FM-Radios, das ist das Bewegungsradio. Ein Beispiel dafür ist "Radio Hafenstraße". Es sendete zur Zeit massiver Polizeiangriffe den aktuellen Stand der Dinge. Damit ist eigentlich schon klar, was das Bewegungsradio ausmacht: Es braucht eine Bewegung; es wird aus ihr heraus geboren und stirbt mit ihr. Ein Bewegungsradio ist mehr als eine Blüte der Bewegung. Es ist zugleich der Stachel der Biene in der Blüte. Wie jedes biologistische Bild ist auch dieses deutlich schief, denn das Bewegungsradio braucht wie die Bewegung noch das Ereignis, den Höhepunkt auf den es zustrebt, den es für sich zu entscheiden sucht. Zum Beispiel eine Räumung. Aber sobald dieses Ereignis vorbei ist, die Bewegung eine Erfahrung gemacht hat und nun die Geschichte dazu sucht, zerfällt das Bewegungsradio, weil auch die Bewegung in Stammtische und Fraktionen auseinanderdriftet. Das einstige Bewegungsradio findet zu dem, was es im Kern schon vorher war: Ein klingendes autonomes Amtsblatt, nur jetzt des Bewegungskontextes entledigt und seines sinnvollen Amtes beraubt. Es klingt halt weiter und keinen juckt's. Oder anders gesagt: Niemand hört sich freiwillig ein Bewegungsradio an, wenn es keine Spannung mehr aus dem Kontext bezieht. Niemand hört sich ohne höheren Grund Flugblattlyrik oder Musik an, über die man sich eigentlich schon immer gestritten hat. Interviews werden plötzlich verweigert, weil noch diskutiert werden muß. Ganz zu schweigen vom Rauschen und den Äther-Löchern, in denen man den Sender nicht mehr findet und überhaupt: Wo ist der Humor? Solange die Bewegung auf das Ereignis zuströmte war das alles egal: Geschichte wird gemacht. Die Stärke des Bewegungsradios ist: Es kann dann, wenn die Bewegung vorbei ist, seine Tätigkeit sofort einstellen - und keiner und keine wird es vermissen. Ein paar werden freilich trauern und sich nostalgisch um einen gemeinnützigen Belangfunk bemühn und im günstigsten Fall gründen sie gar einen Stammtischfunk.
Das ist also jetzt die Situation, in der die Enterprise aus dem Orbit zur Erde funkt wie einst Juri Gagarin, der erste Mensch im All: "Sehe Erde, Maschinen arbeiten gut."
Es gibt sich zu erkennen als ein Raumschiff im HörRaum, das die Klang-Welten durchstreift. Das Radio Enterprise ist ein souveränes Medium. Souveränität heißt: Radio Enterprise erfüllt keine Ansprüche, die von außen herangetragen werden, oder die das Enterprise-Radio im Sinne herrschender Diskurse legitimieren. Radio Enterprise ist lediglich ein Signal im Äther, das man oder frau sich nehmen kann oder nicht. Radio Enterprise ist eine Plastik im HörRaum.
Radio Enterprise kennt kein Dogma, außer dem, daß es in der Situation immer richtig agiert, um seine Souveränität zu erhalten und gleichzeitig ein riesiges Störgeräusch gegen das GrundAxiom der bürgerlichen Kommunikationsgesellschaft sein kann, gegen das "Ich bin angeschlossen, also bin ich". Radio Enterprise ist jederzeit bereit zum Empfang und zum Senden. Das Enterprise-Radio hat nichts aber auch gar nichts mit der Einwegkommunikation heutiger Radios zu tun und versteht unter Interaktivität mehr als die Telefon-Hot-Line oder die Bestelltaste für den nächsten Track, aber Enterprise-Interaktivität liegt nicht im Äther, sondern in der offenen Praxis. Dabei ist die Struktur von Radio Enterprise vollkommen undurchsichtig. Die Basisfrage der Macht: 'Wer ist hier verantwortlich? fällt in ein großes schwarzes Loch!' Dennoch gibt es handelnde Personen: Scotti zum Beispiel bevorzugt einfache Technik, die nicht abstürzt. Er wartet händeringend und ungeduldig auf ein Internet, das publik domain ist. Bis dahin hängt im Maschinenraum die Leuchtschrift: Vorsprung durch Volxtechnik! Lieber FM, MW und KW, und mit Kurbelradio weltweit auf Empfang als multimedial im Internet-Ghetto. Das schreit er immer wieder in die spitzen Ohren von Spock, der mit gehobener Augenbraue seine Meßgeräte überwacht und sagt: "Faszinierend: Du kannst nicht sehen, was jemand hört." Es sei denn. er hängt am Kabel oder hat ein interaktives DAB-Gerät im Auto. Und dann ist da noch Uhura. Sie sendet nur Töne, die gerade dadurch Leben, daß sie keine Bilder haben, das die Töne erschlägt. Ihr Funk-Code ist manchmal unverständlich, weil er aus dem nichtbürgerlichen Paralluniversum zur Erde strömt, dort Chaos verursacht ohne chaotisch zu sein. Ihr Code ist nicht der Code der Macht. Radio Enterprise sendet eine Wahrheit, die nicht um ihrer selbst willen verbreitet wird, sondern versehentlich, weil alle anderen lügen.
Die Stärke von Radio Enterprise liegt ja derade darin, daß es so etwas ist wie ein radiophones Eisenbahnspiel, bei dem jeder und jede mitspielen darf. Oberste Spielregel ist: Erst wenn der oder die Letzte durchs Ziel geht, haben wir gewonnen. Dann können wir essen gehen oder was anderes machen, was viel wichtiger ist als Radio.